Es ist 4:40 Uhr in der Früh, der Radiowecker spielt Bryan Adams und holt mich aus dem Schlaf. Schnell das Teil ausschalten, – trotz der fetzigen Musik, – damit Jasmin nicht komplett erwach.
Nach nur kurzen Augenblicken bin ich hellwach. Erst einmal eine Kaffee und zur Zeitungsbox. Ist die Tageszeitung bereits da? – Leider nicht! Ich trinke meinen Kaffee und begebe mich ins Badezimmer.
Um 5:30 Uhr beginnt auch Jasmin ihren Tag. Sie bekommt ebenfalls ihren Morgenkaffee und jetzt ist auch die DeWeZet in der Box. Ich packe die Bilder des gestern erstellten MRTs zusammen und bin startklar. Es ist 6:00 Uhr und ich fahre los Richtung Nordseeküste.
Es geht nach Sahlenburg bei Cuxhaven. Um 10:00 Uhr treffe ich Dr. M. Bevor er in den Urlaub geht, wollte er mit mir die aktuellen Aufnahmen des gestrigen MRTs besprechen, und die medizinischen Möglichkeiten zur Behebung meiner Schmerzen im Rücken sowie des rechten Beins präsentieren. Meine Erwartungen an diesen Termin liegen bei 50:50. Entweder ich erhalte einen Vorschlag, der meine Situation verändern könnte, – oder es läuft in die gleiche Richtung wie bereits in Göttingen.
Als ich auf die Autobahn auffahre ist das Verkehrsaufkommen in Richtung Hannover nur gering. Auf der Querverbindung der A352 am Flughafen Hannover vorbei ist so gut wie gar nichts los. Als ich dann allerdings auf die Autobahn Hannover – Hamburg einbiege, sieht es ganz anders aus. Das "kleine" Stück bis zum Dreieck Walsrode werde ich schon packen.
Erst als ich auf die BA nach Bremen einbiege normalisiert sich die Verkehrsdichte. Insgesamt drei Pausen musste ich einlegen, damit ich diese Fahrt überhaupt bewältigen konnte. Nach etwa 45 Minuten beginnen die Schmerzen sowohl im Rücken als auch im rechten Bein so schlimm zu werden, dass ich mich nicht mehr auf den Straßenverkehr konzentrieren kann.
Um 9:48 Uhr steige ich auf dem Hospitalgelände aus meinen PKW. Ich bin da, – 12 Minuten vor meinem Termin. Als ich die Anmeldung absolviert habe, und den Weg zur Wirbelsäulen-Ambulanz zurück gelegt habe, ist mir doch ganz schön mulmig.
Ich hoffe nun inständig, das Dr. M. eine Lösung für mich anbieten kann. Ich setze mich kurz auf einen Stuhl im Wartebereich, da kommt Dr. M. bereits den Gang entlang auf mich zu.
Wir gehen in das Sprechzimmer und ohne viel Smaltalk werden die Bilder der Magnet Resonanz Tomographie begutachtet. Mir wird der aktuelle Zustand anhand der Bilder erklärt. Ich muss mich ausserordentlich auf die Worte des Arztes konzentrieren. Nicht weil Dr. M. die medizinischen Fakten nicht verständlich vermitteln kann, – nein ich bin total angespannt und aufgeregt. Letztendlich hat er drei mögliche Szenarien für mich parat.
1.) Ich lasse alles bei der jetzigen Situation und wir unternehmen nichts.
(Diese Option verändert nichts an meiner aktuellen gesundheitlichen Situation. Doch dafür bin ich natürlich nicht hergefahren. Wenn ich in dem aktuellen Zustand mein Leben bewältigen könnte, hätte ich auch nicht um einen Termin gebeten!)
2.) Die beiden betroffenen Lendenwirbel werden versteift, und der natürliche Abstand wird wieder hergestellt.
(Das sollte die Schmerzen im Rücken beseitigen. Doch die Schmerzen im rechten Bein werden durch das Narbengewebe der minimalinversiven Bandscheiben-Operation aus dem Jahre 2001 verursacht. Da bei der Versteifung dieser Zustand nicht tangiert wird, ist die Ursache dieser Schmerzen dann immer noch vorhanden. Außerdem hatten bereits mehrere Ärzte von einer Versteifung abgeraten. Auch aus der Sicht von Dr. M. handelt es sich hierbei nicht um die optimale Lösung!)
3.) Es wird eine Bandscheibenendoprothese implantiert.
(Durch diese Maßnahme kann in meinem Fall die bestmögliche Heilungschance erzielt werden. Doch natürlich sind die potenziellen Gefahren nicht zu unterschätzen.)
Nun beginnt der Chefarzt des Helios Seehospital Sahlenburg mit der Aufzählung der möglichen Gefahren bzw. möglichen Komplikationen einer solchen Operation. Natürlich ist es sehr wichtig dem Patienten auch diese Seiten der Behandlungsmethode zu nennen. Bei jedem Punkt wird detailliert informiert, und auch der Operationsverlauf wird sehr genau erklärt. Nach etwa 40 Minuten habe ich keine Fragen mehr, und Dr. M. ist mit seinen Ausführungen ebenfalls am Ende angelangt.
Dr. M. verabschiedet sich in einen dreiwöchigen Urlaub. Somit habe ich drei Wochen Bedenkzeit erhalten. In diesem Moment sehe ich das als Vorteil an, – ein Trugschluß wie sich später noch zeigen wird.
Ich verlasse das Hospital und gehe zurück zu meinem PKW. Nun bin ich erst einmal vollends von der Rolle.
Auf der einen Seite hat man mir eine Möglichkeit präsentiert, meine Schmerzen los zu werden. Ich würde wieder neue Lebensqualität erhalten. Nicht nur ich, sondern auch mein familäres Umfeld. Wie oft konnte ich mein Leben nicht so gestalten, wie man sich das eigentlich vorstellt. Wie viele Termine konnte ich sowohl privat als auch geschäftlich nicht wahrnehmen, da ich es vor Schmerzen kaum aushalten konnte. – Ist das also die Lösung?
Doch wie sieht es denn nun mit dem Risiko einer solchen Operation aus? Bin ich bereit das auf mich zu nehmen? Eventuell werden die Schmerzen nicht beseitigt. Das Bein kann nach der Operation steif sein. Andere Nerven im Bereich der Blase bzw. Darm können verletzt werden. Die Folge wäre Inkontinenz. Natürlich schwebt auch der Begriff Querschnittslähmung über mir.
In den nächsten drei Wochen werde ich mir das alles in aller Ruhe durch den Kopf gehen lassen, und dann Dr. M. via Email von meiner Entscheidung in Kenntnis setzen.
Jetzt fahre ich Richtung Heimat. Im Verkehrsfunk wird darauf hingewiesen, dass die Autobahn wegen Baumschneidearbeiten zwischen Cuxhaven und Bremerhaven mehrfach voll gesperrt ist. Also fahre ich auf der Landstrasse in Richtung Bremen. Während der Rückfahrt schwanke ich ständig zwischen Szenario 1 und 3 hin und her. Solange bis ich gegen 17:30 Uhr wieder daheim bin.
Als kurz darauf Jasmin Feierabend hat, und nach Hause kommt, sprechen wir über die Geschehnisse des heutigen Tages. Eine Entscheidung von meiner Seite ist aktuell sehr weit entfernt.
Ich weiß wirklich nicht, welche die richtige Entscheidung ist. – Noch nicht.



























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